Über die Aufzucht und Pflege von Probelesern

Obwohl ich momentan recht eingespannt bin (das Lektorat von Mitternachtsrot hält mich ganz schon auf Trab), möchte ich mir doch die Zeit nehmen, um einmal meinen Probe-, Test- oder Vorablesern zu danken. Und wie könnte ich das besser, als durch einen Blog-Beitrag, der unser besonderes Verhältnis würdigt.
Und für alle, die sich diese seltene und kostbare Spezies heranzüchten möchten, will ich von meinem Umgang mit meinen Testleser berichten.

Bevor ich überhaupt einen Text zum Probelesen wegschicke (je nach Vorlieben der Testleser in unterschiedlichen Formaten. Einige bevorzugen z.B. epub, um bequem mit dem E-Book-Reader zu lesen, andere möchten eine Textdatei, um direkt Kommentar einfügen zu können.), bedanke ich mich schon immer ganz ganz lieb vorher, dass sich meine Testleser die Zeit nehmen, um meinen Text zu lesen und mir ihre Kritik zurückzuschicken. Ganz wichtig: Ich stelle dabei gleich von mir selbst gebackene leckere Waffeln als Belohnung in Aussicht. Ein bisschen Anreiz sollte schon geboten werden. Wahlweise sollte auch die Aussicht auf Tiramisu, Kaffee oder Pizza funktionieren.
Nur noch ein kleiner Warnhinweis: Wer sich auf die Suche nach Testlesern begibt, muss natürlich die für ihn passende Methode im Umgang mit ihnen selbst herausfinden. Zu unterschiedlich sind die eigenen Fragen bezüglich eines Manuskripts und zu unterschiedlich sind die einzelnen Testleser, als dass man eine allgemeinverbindliche Methode anpreisen könnte.

Ich habe z.B. insgesamt drei Kategorien von Testlesern:

  1. Zwei Freundinnen bekommen einzelne Szenen oder Kapitel, die mir Feedback zu einzelnen Formulierungen, Satzbau-und Grammatikhundlingen usw. geben. Hierbei besteht allerdings die Gefahr, dass die Leser (wenn längere Zeit zwischen den Textschnipseln liegt) den Überblick verlieren.
  2. Die kritische (lektorierwütige) Testleserin, die unbarmherzig alle Krankheiten aufspürt: Adjektivitis, Adverbialdurchfall, Wiederholismus usw.
    Diese Kategorie funktioniert auf Gegenseitigkeit (liest du meins – lese ich deines) und man kann eine Menge dabei lernen. Einfach mal umhören z.B. in Schriftsteller-Foren.
  3. Die letzte Kategorie an Testlesern bekommt das komplette Manuskript (sobald es in einem einigermaßen vorzeigbaren Zustand ist) zusammen mit einem Fragebogen, auf dem sie dann schnell und unkompliziert eintragen können, worauf sie achten sollten.
    Der Fragebogen für Kategorie 3 sieht dann ungefähr so aus:

Liebe … (oder wenn es ein Freund ist: Lieber …)! Ich möchte Dich bitten, zuerst meinen Text zu lesen und danach diesen Fragebogen auszufüllen, um mir dabei zu helfen, mein Buch besser zu machen. Ich freue mich sowohl über Kritik als auch über Lob. Darum: Übe Kritik, wenn es notwendig ist und lobe, wenn Dir etwas gut gefallen hat.

Fiel es Dir leicht, in den Text reinzukommen?

Gab es unverständliche Stellen? Wenn ja, welche?

Gab es Stellen, die Deiner Meinung nach zu kompliziert beschrieben sind?

Gab es zu lange Beschreibungen? Oder welche Stellen fandest Du so langweilig, dass Du sie am liebsten weitergeblättert hättest?

Was wurde Deiner Meinung nach zu kurz abgehandelt?

Gab es irgendwo einen Fehler oder tauchten Widersprüche auf?

Waren Dir die Figuren sympathisch? Gab es jemanden, den Du Dir nicht so gut vorstellen konntest konntest?

War z.B. das Handeln der Figuren nachvollziehbar, logisch oder inkonsequent?

Hat Dich die Handlung überrascht? Oder war manches vorhersehbar?

Wo warst Du besonders gespannt, wie es weitergeht?

Wie hat Dir das Manuskript sprachlich gefallen?

Welche Stellen haben Dir besonders gut gefallen?

Hast Du das Manuskript mal längere Zeit liegen gelassen, und wenn ja, an welcher Stelle?

Was hat dir überhaupt nicht gefallen?

Erinnert das Buch an irgendwelche anderen Autoren?

Wie fandest Du die Grundidee?

Wie fandest Du den Schluss?

Welcher Titel gefällt Dir? Welcher Titel passt Deiner Meinung nach am besten zum Buch?
(An dieser Stelle ein paar Titelvorschläge zum Ankreuzen aufführen.)
Oder fällt Dir noch etwas besseres/passenderes ein?

Ganz lieben Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, mein Manuskript zu lesen und (hoffentlich) diesen Fragebogen auszufüllen. Ich hoffe, es hat Dir Spaß gemacht … und wenn nicht, gelobe ich Besserung und beherzige Deine Kritikpunkte (die Du hoffentlich alle notiert hast). DANKE!

Die Fragen sind natürlich sehr individuell. Je nach Genre oder persönlicher Gewichtung werden die Fragen sicherlich auch unterschiedlich ausfallen.

Manch einem mag die Erstellung eines Fragebogen leicht bürokratisch vorkommen, meine Testleser und ich haben aber festgestellt, dass es durchaus gute Gründe gibt, diese Methode zumindest einmal auszuprobieren, weil es meiner Meinung nach

folgende Vorteile für den Leser gibt:

  1. Er weiß, worauf es mir ankommt und kann gezielt darauf antworten.
  2. Er verzettelt sich nicht in der Korrektur von Rechtschreib- und Grammatikfehlern und wird so immer wieder aus dem Lesefluss gerissen (deshalb gebe ich auch immer VORAB den Hinweise, dass man sich nicht mit Rechtschreibfehlern aufhalten solle – das wird in einem anderen Arbeitsschritt erledigt) 

    folgende Vorteile für mich gibt:

  1. Ich bekomme gut vergleichbare Antworten, aus denen ich z.B. schnell ersehen kann, ob es Stellen gibt, die mehreren Lesern negativ aufgefallen sind.
  2. Ich kann „ehrliche“ Antworten erwarten. Erfahrungsgemäß fällt es meinen Lesern leichter, Kritik schriftlich zu formulieren und ich habe festgestellt, dass meine Testleser mit konkreten Fragen, viel eher bereit sind, überhaupt Kritik zu üben. Wenn ich nämlich nur frage: Hat Dir das Manuskript gefallen? Kommt als Antwort vielleicht: Ja, ganz gut. Aber auf Nachfragen, was sie gut (oder schlecht) fanden, wissen die meisten nicht, worauf ich hinaus will.

Wenn dann die Kritik bei mir eintrudelt, brauche ich selbstverständlich auch eine Strategie, um damit umzugehen. Natürlich bin ich nicht so abgeklärt, dass mich Kritik nicht berühren würde, aber ich versuche dann einen Gang runter zuschalten und sag mir immer wieder: „Das ist keine Kritik an mir als Person. Diese Kritik hilft mir, besser zu schreiben.“ Wenn ich dann noch eine Nacht darüber schlafe, kann ich die einzelnen Kritikpunkte auch sachlich angehen. Und wenn ich dann noch merke, dass der Text durch die Kritik und Anmerkungen meiner Testleser wirklich besser wird, bin ich einfach glücklich.

Selbstverständlich gebe ich meinen Testlesern auch Feedback, was weiter mit ihren Anmerkungen passiert.
Wenn mir eine Kritik als ungerechtfertigt erscheint, erwähne ich diesen Punkt in meiner Antwort an meine Testleser meistens nicht, denn das würde sich dann sowieso nur wie eine armselige Rechtfertigung anhören. Bei unklaren Punkten frage ich gezielt nach, erläutere meine Sicht und warte auf Antwort. Meistens wird mir die Kritik dann verständlicher. Bei gravierenden Hundlingen gelobe ich Besserung und bedanke mich für das Aufspüren derselben (passiert meistens bei unlogischen Verhalten, Handlungssprüngen, holperigen Dialogen oder Recherche-Fehlern). Wenn ich dann den Text umgeschrieben habe, schicke ich die neuen Passagen zurück und frage nach, ob damit der Kritikpunkt beseitigt ist oder ob immer noch Nachbesserungsbedarf besteht.
Und für Lob (darauf bin ich dann immer ganz besonders stolz) bedanke ich mich natürlich auch.

Deshalb nocheinmal ein ganz dickes Dankeschön an alle meine Testleser. Andi, Bernhard, Bibi, Claus, Micha, Sabine F., Sabine H., Silvi, Sylvie und Tadeia. Ihr seid wunderbar.

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